SCHWEIZERISCHE BOTSCHAFT BERLIN; WOHNSITZ DES BOTSCHAFTERS IN DER DDR

DAS WAR DIE RESIDENZ DES SCHWEIZER BOTSCHAFTERS BIS ZUR WENDE 1989. DORT WOHNTE ER MIT SEINER GATTIN. 
DINNER UND EMPFÄNGE FANDEN HIER STATT.
ICH WOHNTE IM SELBEN HAUS, mehr in meinem Buch darüber

Die Schweiz war das erste westliche Land das die DDR anerkannte:


West-Botschafter in Ost-Berlin:

 Handtuchhalter aus West-Berlin

Von  Joachim Nawrocki

2. März 1973, 


Ost-Berlin, Bezirk Pankow, eine Straße, die „Esplanade“ heißt. Hier soll es bald international zugehen. Zwölf dreigeschossige Häuser, zum Teil noch im Bau, hat die Regierung als Residenzen für die von der Anerkennungsweile in die DDR gespülten Botschafter vorgesehen. Weitere zwölf Häuser sind noch geplant, aber auch das wird nicht reichen. Viel Leben gibt es vorerst noch nicht in dieser ehemaligen Kleingartenkolonie. An einem Haus hängt das Emblem der finnischen Botschaft; vor dem Haus Nr. 21 weht die einzige Fahne in dieser Straße, die der Schweiz. Seit dem 17. Januar haben die Eidgenossen hier ihre Botschaft.

Mittlerweile haben zwar fast 80 Staaten diplomatische Beziehungen zur DDR aufgenommen, davon über die Hälfte in den letzten drei Monaten, seit dem Abschluß der Verhandlungen über den Grundvertrag. Aber bis die neuen Botschaften eingerichtet sind, vergeht noch viel Zeit. Am schwierigsten ist die Suche nach geeigneten Gebäuden; die meisten Staaten legen Wert darauf, ihre Botschaft in der Stadtmitte zu haben. Den Engländern und Franzosen ist es gelungen, Häuser Unter den Linden zu bekommen. Und da war die DDR auch nicht zimperlich: Zugunsten Großbritanniens muß das auf die Beobachtung der Bundesrepublik spezialisierte „Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW)“ teilweise umziehen. Auch die Österreicher werden mit Blick auf das Brandenburger Tor residieren. Die Überlegungen, ob die drei Westmächte ihre Grundstücke am Pariser Platz zum Wiederaufbau von Botschaften benutzen, sind noch nicht abgeschlossen. 

Zumindest die Nato-Staaten wollen auf den besonderen Status ganz Berlins Rücksicht nehmen. So haben die Belgier – als sie jetzt ihren bisherigen Generalkonsul in West-Berlin, Houllez, zum Geschäftsträger in Ost-Berlin ernannten – deutlich gemacht, daß nach ihrer Auffassung die Eröffnung einer Botschaft in Ost-Berlin den juristischen Status ganz Berlins nicht ändere. Auch die Westmächte werden ähnliche Erklärungen abgeben, wenn es soweit ist. Die Botschafter der USA, Großbritanniens und Frankreichs werden deshalb zwar für die DDR, nicht aber für Ost-Berlin zuständig sein. Die Kompetenz für ganz Berlin bleibt weiter bei den Botschaftern in Bonn, die zugleich als Hohe Kommissare fungieren.

Andere Länder wollen dem Statusproblem Rechnung tragen, indem sie ihre Botschaft in Ost-Berlin nicht Botschaft „in“ der DDR nennen – weil ja genaugenommen Ost-Berlin nicht zur DDR gehört –, sondern zum Beispiel Botschaft „bei“ der DDR; oder sie verzichten einfach auf jeden Zusatz. Die Schweizer müssen sich schon Vorwürfe gefallen lassen, weil sie darauf nicht geachtet haben und als „Schweizerische Botschaft in der DDR“ firmieren.

Vor zwei Wochen erst hat der Schweizer Bundesrat Hans Miesch als Botschafter ernannt; schon in Ost-Berlin eingetroffen sind Botschaftsrat Kaufmann und Konsul Kissling, dazu zwei weitere Beamte, zwei Sekretärinnen und ein Hausmeister. Nur der Chauffeur der Botschafter ist DDR-Bürger, zugewiesen von einer Dienstleistungsvermittlung des Staates.Gegenüber den Botschaftsgebäuden in der Esplanade sitzt in einem Holzhäuschen ein Volkspolizist, zum Schutz der Diplomaten bestellt, der sich – anders, als etwa in Moskau – um Besucher nicht kümmert. Die Häuser sind solide, Stein auf Stein gebaut, was es in der DDR kaum noch gibt. Die Miete entspricht westlichen Preisen und ist nicht so hoch wie in einigen anderen östlichen Staaten. Die Ausstattung der Häuser entspricht westlichem Standard.

– Noch bereitet es keine Schwierigkeiten, Wohnungen für die Botschaftsmitglieder zu bekommen. Der Schweizer Geschäftsträger erhielt eine Sechs-Zimmer-Wohnung, für Sekretärinnen stehen Zwei-Zimmer-Apartments zur Verfügung. Was die Schweizer für Kanzlei und Wohnungen an Möbeln und Ausstattungen brauchen, das bringen sie mit aus. der Schweiz oder aus West-Berlin. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR gewährt jede Unterstützung; die notwendigen Einfuhrbewilligungen gibt es ohne Schwierigkeiten, Kontrollen fallen weg. Seit die DDR kürzlich der Wiener Konvention über diplomatische Beziehungen beigetreten ist, ist vieles einfacher geworden.

Wie der Alltag der Diplomaten aussehen wird, das wissen die Schweizer indessen noch nicht so recht. In der Stadtmitte gibt es eine besondere Einkaufsstätte mit Namen „Versina“ für die Diplomaten. Aber die Preise sind hoch; so läßt man lieber alles, was man braucht, aus der Schweiz kommen. Kleinigkeiten wie Handtuchhalter werden in West-Berlin gekauft. Ob sich in Ost-Berlin eine Cocktaildiplomatie entwickeln wird, das bezweifeln die Schweizer: „Den meisten wird es wohl am Raum fehlen.“

Auch die Vermutungen, West-Berlin werde zum Nachtklub der in der DDR akkreditierten Diplomaten, teilen die Schweizer nicht. Bisher waren sie selten im Westen der Stadt, wohl auch ein wenig mit Rücksicht auf DDR-Empfindlichkeiten. Immerhin: Theater gibt es in Ost-Berlin in reicher Auswahl. Essen wird man zu Hause wobei noch auszuprobieren ist, was der Gaststättenservice der „Handelsinformation“ in den Rathauspassagen zu bieten hat. Hin und wieder geht man über die Grenze ins Kino. An Bars und Kabaretts haben zumindest die Schweizer keinen Bedarf: „Vielleicht ist das bei Diplomaten aus anderen Ländern anders.“ Zweimal im Jahr ist Diplomatenjagd. Einmal lädt Außenminister. Winzer, einmal Außenwirtschaftsminister Sölle ein. Außerdem plant die Regierung für die Diplomaten zwei aufwendige Bungalowsklubs am Müggelsee und an der Ostsee, um den Versuchungen, zum Wochenende nach West-Berlin zu fahren, entgegenzuwirken.

Welche Aufgaben haben nun die Schweizer Diplomaten in Ost-Berlin? „Alles, was eine Botschaft so macht.“ Man hält politische Kontakte, bemüht sich um mehr Handel mit der DDR, erfüllt konsularische Funktionen, kümmert sich um die Schweizer Staatsangehörigen in der DDR und hofft auf Verhandlungen über die Entschädigung für enteignetes Schweizer, Vermögen. Diese Ansprüche hat die DDR zwar formell nicht anerkannt; aber sie hat bei Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zugesichert, daß darüber verhandelt werden könne. Beide Seiten stellen jetzt ihre Dossiers zusammen. Die Höhe der Ansprüche wird auf eine halbe Milliarde Schweizer Franken geschätzt. Fast alle haben ähnliche Wünsche: Engländer, Franzosen, Belgier, Holländer, Dänen und Österreicher.

Die Schweizer Delegation in West-Berlin ist in der Fürst-Bismarck-Straße, am Rande des Tiergartens untergebracht. Hier residierte einmal der Schweizer Botschafter im Deutschen Reich. Das riesigeHaus mit seinen hohen und großen Räumen war 1917 gekauft und nach dem Kriege renoviert worden. Es wird bald nicht mehr voll genutzt werden. Der Leiter der Delegation, Minister Pierre Dumont, hat bereits seine Abschiedsbesuche gemacht. Er steht im Range eines Gesandten. „Ich bin zu schwer geworden für meinen Posten“, meint er. Bald wird er Botschafter in einem arabischen Staat. Sein Nachfolger wird ein Generalkonsul. – Ein – Botschaftsrat hat. West-Berlin schon verlassen, auch Beamte und Schreibkräfte wurden abgezogen. Der Personalbestand hat sich von 16 auf acht. Personen verringert.

Am Tage, an dem der Botschafter in Ost-Berlin akkreditiert wird, soll die West-Berliner Delegation in ein Generalkonsulat umgewandelt werden – mit Billigung des Auswärtigen Amtes in Bonn. Bei anderen Diplomaten in West-Berlin stößt diese Statusminderung auf Kritik. Daß die Tätigkeit der Schweizer Delegation eingeschränkt wird, geschieht zwangsläufig. In West-Berlin leben nur rund 1200 Schweizer, in der DDR dagegen gibt eine der ältesten Schweizer Kolonien in Europa; rund 3000 Schweizer Staatsbürger leben dort. Sie wurden bisher von West-Berlin aus betreut.


Erstellt von Peter Gross 6.11.2016 Titel rechtlich geschützt