DIVERSE PRESSEARTIKEL

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.07.2001,

 Nr. 164, S. BS3Einmal Ku'damm und ab nach Bautzen

 Der Fall Gross: Die Geschichte einer Liebe aus der Zeit der MauerMann trifft Frau - so beginnen Filme. Schweizer Mann trifft 1974 ostdeutsche Frau in Berlin, Hauptstadt der DDR - so beginnt eine Liebesgeschichte im Arbeiter- und Bauernstaat. Die DDR stand im 25. Jahr, und Erich Honecker saß fest im Sattel. Peter Gross, Koch an der Schweizer Botschaft in Ost-Berlin, begegnete in einem Tanzcafé die Apothekerin Christa Feurich aus Bernau. Sie verliebten sich, verbrachten die Wochenenden gemeinsam, fuhren aus mit dem Mini Cooper von Peter Gross, träumten die immer neuen Träume von einer gemeinsamen Zukunft. Und dann die Frage: Willst du mal auf den Ku'damm? Peter Gross hatte das, wovon jeder DDR-Bürger gehört hatte und was kaum einer je zu Gesicht bekam: ein Ding, das den Bann der Mauer bricht, ein Papier so gut wie eine Tarnkappe, mit dem man die Grenze passieren konnte - wenn man wollte, täglich. Peter Gross besaß einen Diplomatenpaß. Und seine Freundin Christa den blauen DDR-Ausweis, der keine Grenze überwand. Peter Gross war noch nie kontrolliert worden. Im Herbst siegte Neugier über Angst, Christa Feurich quetschte sich in den Kofferraum, der Cooper rollte über den Grenzübergang Bornholmer Straße zum Ku'damm: spazieren, essen gehen, eine Nacht im Hotel und am Morgen zurück. Ein 24-Stunden-Traum für die Apothekerin und den Koch - 24 Stunden von gleich zu gleich ohne Mauer und Pässe, die DDR lag auf einem anderen Stern. So ein Traum sollte wiederkehren. Das hat auch IM "Nicolai" geahnt, der als Chauffeur des Schweizer Botschafters mit Peter Gross "befreundet" war. "Die F. unterhält intime Beziehungen zu einem Schweizer Staatsbürger, der als Koch beim Botschafter der Schweiz tätig ist." Zwei weitere Spitzel dienten sich an: "Ist es verboten, mit einem ausländischen Bürger Kontakt zu halten?" fragte IM "Peter" seinen Stasi-Führungsoffizier. "Nein, wenn man weiß, wie man sich als Bürger der DDR gegenüber Ausländern zu verhalten hat." Am 1. Februar 1975 ist in der Bornholmer Straße Endstation. Peter Gross und Christa Feurich wurden in die Stasi-Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen gebracht. Die Stasi fotografiert: Peter Gross steht mit verschränkten Armen neben seinem Cooper, Locken im Gesicht und schlaksig wie Jim Morrison - ein Schweizer Rebell im "Stasi-Empfangszimmer" auf einem Stück Straße, das auf keinem Berliner Stadtplan eingetragen ist. Ein Betonkarree, das nicht existierte, für Menschen, die nicht mehr existierten. Eine Mühle, die Selbstbehauptung und Seele pulverisierte, in einen Sträflingsanzug füllte; und ab nach Bautzen. Ein Mann, eine Frau, 40 Monate: von gleich zu gleich nach DDR-Manier, hinter Mauern und Wachtürmen, nur einmal kurz gesehen, endlose Verhöre. Der Ku'damm lag Lichtjahre entfernt. Die beiden wurden wegen "ungesetzlichen Grenzübertritts" zu viereinhalb und fünf Jahren verurteilt. Fast 27 Jahre später stehen Christa und Peter Gross noch einmal im Verhörtrakt und eröffnen die Ausstellung "Der Fall Gross". Die Dokumentation erzählt die Geschichte der beiden Verliebten, die Fotos und Kopien sind über den ehemaligen Verhörtischen montiert. Christa und Peter Gross laufen über den endlosen Flur, gehen in die Zimmer, Sektglas in der Hand, freundlich, oft still, sie gehen an die Tafeln heran, lesen die Stasi-Papiere. "Der SG (Strafgefangene) Gross mußte erneut am 31. 08. '77 mittels körperlicher Gewalt zur Einhaltung der Ordnung gezwungen werden", notierte der Aufseher. Christa Feurich und Peter Gross haben durchgehalten. "Ich komme hier wieder heraus, Sie haben doch lebenslänglich", sagte Gross zu einem Verhörer. Seine Freundin arbeitete in der Küche, schickte ihm Grüße, in den Blechnapf geritzt, in die Butter gekratzt. Im Mai 1978 wurden beide entlassen, sie gehen in die Schweiz und heiraten. Mann traf Frau in Ost-Berlin. Der SFB hat in den achtziger Jahren die Geschichte verfilmt, Titel: "Einmal Ku'damm und zurück". Christa und Peter Gross mögen den Film nicht. Das Ende ist fiktiv, kein Stasi-Knast, keine Hochzeit. Dafür gelingt auch der zweite Trip zum Ku'damm, ein Autounfall beendet den Traum. Die Frau geht zurück in den Osten, die Genossen haben ihr Straffreiheit garantiert, die Liebe bleibt auf der Strecke. Fast ein pädagogischer Film im Sinne der SED, die zwischen Mauerbau und Wende mehr als 72 000 Menschen wegen Fluchtversuchs und Fluchthilfe in die Gefängnisse brachte. In der Schweiz wurden Christa und Peter Gross über Jahre vom dortigen Geheimdienst überwacht, da man den Eindruck hatte, "die Eheleute G. könnten in der DDR möglicherweise ,umgedreht' worden sein". Peter Gross erhielt außerdem eine Rechnung über 1630,90 Franken für die der Botschaft entstandenen Kosten und Gebühren. IM "Nicolai" war bis 1999 Chauffeur bei der Schweizer Botschaft. Am Wochenende hat Christa Gross wieder von einem Verhör geträumt. THOMAS GERLACH

Erstellt von Peter Gross 6.11.2016 Titel rechtlich geschützt