EINMAL KU'DAMM UND ZURÜCK LESEPROBE


Einmal Ku‘damm und zurück

Wie ein Schweizer in die Machenschaften der Staatssicherheit in der

DDR geriet und die Liebe seines Lebens findet

Von Christa und Peter Gross

Eine wahre Berliner Geschichte aus dem geteilten Deutschland

TITEL GESETZLICH GESCHÜTZT.


Impressum

Copyright: © 2016Christa und Peter Gross

Verlag: epubli GmbH, Berlin, www.epubli.de


Vorwort und Biographie

Ein guter Freund sagte:

»Dich kann man nicht beschreiben, Dich muss man erleben!«

Ich bin im Jahre 1949 im Sternzeichen Widder geboren und in Zürich aufgewachsen.

Bereits als Zehnjähriger verspürte ich den Drang, die Welt zu erobern. Ich riss mehrere

Male von zu Hause aus und überlegte mir, wie ich fast ohne Geld die Welt bereisen könnte,

und was ich einmal werden wollte, wenn ich groß bin.

»Koch oder Bäcker wäre nicht schlecht«, dachte ich. Aber als Bäcker hätte ich früh

aufstehen müssen. »Nein, das ist nichts für mich!« So entschloss ich mich bereits mit 14

Jahren, Koch zu werden.

In der Nähe von Basel fand ich eine Kochlehrstelle und mit 17 1/2 Jahren konnte ich

mein Kochdiplom in Empfang nehmen. Nach der Lehre arbeitete ich als Koch in diversen

Saisonbetrieben und dann meldete ich mich 1969 als Privatkoch auf der Schweizer

Motoryacht »PAT« in Monte Carlo. Das Eignerehepaar J. + H. Müller waren auch aus

Zürich. Ich hatte eine erlebnisreiche Saison auf dem Mittelmeer, während wir mit Gästen

die Inseln Elba, Sardinien und Korsika umrundeten. Ende Oktober reiste ich wieder in die

Schweiz – nach Zermatt, am Fuße des Matterhorns.

In der Schule hatte man bei uns in der Schweiz gar nichts über den Ostblock erfahren.

Das wunderte mich sehr. Bereits 1968 verfolgte ich die Meldungen über den Aufstand in

Prag. Ich sammelte Artikel über Fluchtgeschichten des Schweizer Fluchtunternehmers

Hans Lenzlinger. Durch diese Artikel erfuhr man, warum die Menschen damals geflüchtet

sind. Lenzlinger aber wurde in den siebziger Jahren erschossen. Der Mord ist bis heute

ungeklärt.

War es die Stasi?

Ich fragte mich 1969, was hinter den Worten »Staatsicherheitsdienst«, »Der eiserne

Vorhang« und »Der kalte Krieg« steckt. In Presseberichten tauchten immer wieder diese

Worte auf und so war ich neugierig, wo dieser kalte Krieg stattfindet. Ich dachte, da musst

du auch mal hin.


Abschnitt 2

Schweiz – Wolgograd

Ende 1969 ging ich in ein Reisebüro und verlangte ein Eisenbahn-Ticket »Brig (Wallis) –

Wolgograd«, 1. Klasse Hin- und Rückfahrt.

Die Dame staunte nicht schlecht und nahm meinen Auftrag entgegen. Fast vier Monate

dauerte es, bis alle Visa Formalitäten erledigt waren. Die russische Botschaft erkundigte

sich beim Reisebüro, was ich denn in Russland wolle. Sie erklärte, dass ich gerne mit der

Eisenbahn fahre. Mir selber war Stalingrad – seit dem 2. Weltkrieg heißt es Wolgograd –

aus dem Film »Die Schlacht um Stalingrad« und den Konsalik-Romanen bekannt. Die

Reise startete nach Saisonende im Frühjahr 1970. Einen Plan, wie lange ich dort bleiben

wollte, hatte ich nicht.

Bei düsterem Wetter bestieg ich in Zürich den Nachtzug »Wienerwalzer«. Nach jeweils

einem Tag Aufenthalt in Wien und Budapest gelangte ich nach Bukarest, wo ich zwei Tage

das Bett hüten musste, weil ich noch in der Schweiz ein offensichtlich zu scharfes

Pfeffersteak gegessen und mir den Hals verbrannt hatte.

Da ich privat bei einem Ärztepaar wohnte, wurde ich gehegt und gepflegt. Dank Penicillin

und einer Schröpfung, die ich mit Zigaretten und Dollars bezahlen musste, konnte ich nach

zwei Tagen die Reise Richtung Russland mit einem Tag Verspätung fortsetzen.

Am Bahnsteig angekommen, suchte ich den Schlafwagen mit der richtigen Nummer. An

der Spitze des Zuges fand ich ihn, aber die Türen waren geschlossen. Eigentlich waren alle

Türen geschlossen, außer einer einzigen – am Ende des Zuges. Mit einem Ruck fuhr der

Moskauexpress langsam an. Ich entdeckte eine Schaffnerin in der noch offenen Tür und

deutete ihr winkend, dass ich noch einsteigen möchte.

Der Zug rollte langsam an mir vorbei, bis die Schaffnerin in der Tür auf meiner Höhe war.

Ich warf meine Reisetasche in die geöffnete Tür und sprang auf den fahrenden Zug. Die

Schaffnerin reichte mir Ihre Hand entgegen. Sie lachte.

»Ja, das wird eine aufregende Reise«, dachte ich. Ich bezog mein Abteil und schlief

erschöpft ein. Schließlich war ich noch nicht ganz fit.

Irgendwann am frühen Morgen klopfte die russische Zoll- und Passkontrolle an mein

Abteil. Wir mussten den Grenzort Galati schon erreicht haben. In gebrochenem Deutsch

fragte mich der Beamte nach meinen Papieren, und warum ich einen Tag zu spät käme. Ich

erzählte vom scharfen Steak. Und nun wusste ich, dass mich die Russen bereits

erwarteten.

»Aha!«, dachte ich. »Hier wird man überwacht« Doch genau das war das Spannende an

der Reise.


Ich musste den gesamten Inhalt meiner Reisetasche auf dem Bett entleeren. Der

Beamte durchsuchte gründlich meine Habseligkeiten, denn ich hätte ja Verbotenes in das

Land einführen können, wie Devisen oder Zeitschriften.

Mein schöner breiter Gürtel mit etwa 50 Imitat-Revolverpatronen wurde zum

Durchleuchten mitgenommen und nach circa 30 Minuten zurückgebracht. Die

Grenzbeamten verabschiedeten sich, und der Moskauexpress setzte die Fahrt Richtung

Kishinev im Moldau Gebiet – dem heutige Moldawien – fort. Dort nächtigte ich drei Tage im

Hotel Chisinau mitten im Zentrum.

***

Ein Reiseleiter zeigte mir die Stadt und Umgebung. Ich wunderte mich über die

tiefschwarze Erde, auf der auch Wein angepflanzt wurde. In einer ausgedienten Kirche war

ein Weinlokal für Weinproben eingerichtet und ich lud den Reiseleiter zur Weinprobe ein,

die pro Person 5 Rubel kostete. Die Weine waren schwer und sü. und schmeckten zum

Teil nach Sherry. Es war ein interessanter Abend ohne politische Diskussion. Ein kleiner

Schwips war die Folge, denn es gab nichts zu Essen. Am nächsten Abend fand ich ein

Restaurant in der Nähe des Hotels. Es war von Neonröhren hell erleuchtet. Gerade kamen

Gäste aus dem Lokal und der Türsteher ließ mich hinein. Er schloss die Tür wieder ab und

geleitete mich an einen freien Tisch.

Eine Band spielte zum Tanz auf. In einer Ecke wurde ein Fest oder Geburtstag gefeiert

und gegenüber fand eine kleine Parteifeier statt. Alle trugen ihre Orden. Um meinem Tisch

standen zwei oder drei Kellnerinnen und ich konnte kein Wort russisch. Die kyrillische

Schrift konnte ich dennoch ein wenig lesen und so bastelte ich mir ein Abendessen

zusammen.

Nach einer halben Stunde setzten sich zwei Damen und ein Herr an den Tisch. Er rechts,

die erste Dame links und die zweite Dame gegenüber von mir.

»Das ist bestimmt seine Frau«, dachte ich. Sie bestellten ihr Essen, Wein, Wodka und

Wasser. Plötzlich fragte mich die Dame links von mir etwas auf Russisch. Ich zuckte nur mit

den Schultern. »Ich Helvetica, Schwizarski«, und lachte dabei.

Sie überlegte und fragte mich in gebrochenem Französisch, woher ich denn komme und

was ich mache. Meinen Erklärungen auf Französisch konnte sie sehr gut folgen. Ich dachte

sie sei ohne Begleitung und lud sie zum Tanz ein. Wieder verging ein Tanz, bis sie mich

aufklärte, dass sie die Ehefrau des Herrn sei, der zu meiner Rechten saß.

»Oha! Jetzt musst du vorsichtig sein«, dachte ich, geleitete die verheiratete Dame zum

Tisch zurück und lud die zweite Dame von unserem Tisch ein. Ihr Name war Natascha. Die

Ehefrau erklärte mir, Natascha sei bei ihnen zu Besuch und komme aus Moskau. Sie

könne aber nur russisch. Es wurde ein netter Abend und der Mann bezahlte am Schluss

sogar mein Abendessen und die Getränke.

Die Gastgeberin von Natascha erwähnte, ich solle mich bei bei Natascha melden, wenn

ich von Wolgograd nach Moskau zurückgekommen sei, und schrieb mir ihre

Telefonnummer auf. Sie verabschiedeten sich und ich suchte das Hotel auf.

***


Zwei Tage später bestieg ich eine Linienmaschine der Aeroflot und flog nach Moskau, um

den verspäteten Tag wieder aufzuholen. Ich logierte im Hotel »Leningradskaya« mit hohen

Türmen. Das Zimmer befand sich in der 12. Etage. Ich hatte trotz starker Bewölkung einen

herrlichen Blick über Moskau bis zum Fernsehturm.

Am nächsten Tag war das Wetter noch immer finster. Ich fuhr mit einem Taxi am Abend

zum Bahnhof. Der Zug nach Wolgograd stand schon bereit. Das Schlafabteil musste ich

diesmal mit drei weiteren Reisenden teilen. Die mehrstündige Fahrt verlief in lockerer

Runde und bereits um sechs Uhr morgens wurden mir Speck, Brot und Wodka angeboten.

»Das konnte ja heiter werden!«

Langsam fuhr der Zug am späten Vormittag in Wolgograd ein. Auf Höhe meines Abteils

stand bereits eine schwarze Limousine. Man wusste genau, wo ich aus dem Zug steigen

würde – meine Freunde in der Schweiz haben mich vor der Überwachung gewarnt. Die

Limousine war ein schwarzer Wolga, ein russisches Fabrikat, und brachte mich zu einem

Hotel in der Stadt.

Die Leute standen Spalier, aber nicht wegen mir. Es war der 1. Mai 1970. Ich verfolgte

die 1. Mai-Demo bequem von meinem Zimmer aus. Das Hotel befand sich neben dem

Ehrendenkmal des 2. Weltkrieges, vor dem die Kinder der Jugendorganisation die

Ehrenwache hielten. Nach einer Stunde ging ich auf die Straße und machte ein paar Fotos.

Die Reiseleiterin suchte mich bereits und erklärte auf Deutsch, dass sie mir die Stadt mit

dem Taxi zeigen wolle. Sie hätte eigentlich einen älteren Herrn mit weißen Haaren, so um

die fünfzig, erwartet.

Ich erzählte ihr, ich sei Koch und amüsierte mich über Ihr Staunen. In Wolgograd wurde

mir bewusst, wie schlimm der Krieg gewesen war. Ich sah originale Filmdokumente aus

dem zweiten Weltkrieg, die damals in Westeuropa noch völlig unbekannt waren.

Nach zwei Nächten erfolgte die Rückreise nach Moskau – mit viel Wodka, Speck, Brot

und lustigen russischen Reisegästen. Ich wurde wieder sehr diskret am Zug abgeholt und

bezog ein Zimmer im gleichen Hotel, in dem ich zuvor nächtigte. In Moskau lief ich kreuz

und quer durch die Stadt und sah viel Interessantes an Kunst und Kultur. Vom Fernsehturm

aus genoss man eine fabelhafte Rundsicht. Fotografieren war streng verboten!

In der großen Allunionsausstellung »BDHX« beim Fernsehturm konnte man die neuesten

Errungenschaften der Sowjetunion bestaunen. Die Raketen und die Raumfahrt-Abteilung

waren für mich sehr beeindruckend. Ich war müde und fuhr mit der Metro in die Nähe des

Hotels. Mich beeindruckten die pompösen Bahnhöfe der Metro mit den steilen und langen

Rolltreppen sehr. Gut, dass ich die kyrillischen Buchstaben lesen konnte, sonst hätte ich

den Heimweg kaum gefunden. Alles lief übrigens ohne Bewacher.

Ich versuchte vom Hotelzimmer aus, meine Reisebekanntschaft Natascha aus Kishinev

anzurufen. Eine tiefe weibliche Stimme begrü.te mich, aber ich habe sie nicht verstanden

und sie mich auch nicht. Sie sprach nur russisch und legte den Hörer wieder auf.

»Was mach ich denn jetzt?« Ich überlegte und mir kam eine Idee. Der Lift trug mich in

einer schnellen Fahrt nach unten zur Rezeption und ich fand meine deutschsprechende

Reiseleiterin.


Als sie meine Erklärung hörte, lachte sie erst, telefonierte dann für mich und am Abend

kam Natascha mit einem »Russisch-Deutsch-Wörterbuch« zu einem Rendezvous in mein

Hotel. Ich lud sie im Gorky Park, einem Vergnügungspark am rechten Ufer der Moskwa,

zum Essen ein. Vor meiner Abfahrt zeigte sie mir noch einige Sehenswürdigkeiten. Unsere

Bekanntschaft führten wir noch circa 3 Monate weiter. Sie verlief dann aber aufgrund der

Entfernung im Sande.

Der Abschied in Moskau fiel mir leicht, denn die Fahrt führte nun weiter Richtung DDR –

dem eigentlichen Ziel meiner Reise. Nach kurzen Zwischenstopps in Smolensk, Warschau

und Prag saß ich im Fernzug Prag Berlin (Ost). Auf dieser Fahrt lernte ich eine junge Frau

namens Beate Hohmann aus Leipzig kennen. Sie befand sich auf der Rückreise von

Bratislava. Beate war ca. 24 Jahre alt, hübsch, hatte lange braune Haare und arbeitete als

Technikerin.

Nach etwa einer Stunde Zugfahrt gestand Sie mir, dass sie in Bratislava über die grüne

Grenze nach Österreich flüchten wollte, aber aufgrund der stark bewachten Grenze von

ihrem geplanten Fluchtplan spontan abrückte. Politisch naiv und ungeschult, erklärte ich

ihr, dass ich ihr vielleicht helfen könnte. Wie, wusste ich noch nicht, aber mit einem

falschen Pass oder den Lenzlinger Fluchthelfern müsste doch vielleicht eine Möglichkeit

vorhanden sein.

Kurz vor Dresden tauschten wir unsere Adressen aus. Als ich später wieder in der

Schweiz war, telefonierten wir und sie schrieb mir mehrere Briefe. Ich hörte anschließend

lange Zeit gar nichts mehr von ihr und dachte, das wäre es wohl. Es vergingen mehrere

Monate bis mich 1972 in Zermatt eine Karte von Beate aus der Nähe von Stuttgart

erreichte. Sie schrieb, ich solle ja nicht mehr in die DDR einreisen, da ich verhaftet werden

könne. Aufgrund des Telefon- und Briefkontaktes mit mir sei sie verhaftet und bei der

Amnestie im Jahre 1971 in den Westen frei gelassen worden. Inzwischen besuchte ich

jedoch mehrere Male Leipzig, Dresden und Ost-Berlin und konnte nichts Verdächtiges

feststellen. Wer weiß?

Dies war meine erste Begegnung mit einer Bürgerin der DDR und der Situation hinter der

Mauer, die mich sehr beeindruckte.

Nach unserer ersten Begegnung im Zug erreichte ich Ost-Berlin und blieb im Hotel

»Berolina«. Das Nachtleben war ganz schön beeindruckend, war doch in der Schweiz erst

1968 das erste Mal in Basel die Polizeistunde in einigen Lokalen bis 2.00 Uhr nachts

verlängert worden. In Winterthur mussten die Tanzlokale bereits um 23.30 Uhr ihre Pforten

schließen. In Zürich um 24.00 Uhr. In Ost-Berlin jedoch wurde bis 4.00 Uhr gefeiert!

Vieles verstand ich nicht. Wurde ich mal von einer jungen Berlinerin nach Hause

eingeladen, wurde mir des Öfteren erklärt: »Achtung, spreche ja nicht zu viel und schon gar

nicht über Politik!«

Man hätte meinen können, es herrsche dauerhauftes Misstrauen innerhalb der Familien–

Mutter, Vater, Schwestern, Brüder. Alle waren beteiligt. Und immer wieder das Thema

Flucht, Flucht, Flucht. Eine ständige Fragerei.

»Was ist denn im Westen anders?«, wollte ich wissen.

»Warum kannst du herumreisen und ich nicht?«, die Gegenfrage. »Warum«, habe ich mich

gefragt »ist die DDR so ein großes Gefängnis?«

»Ist die Sehnsucht nach Freiheit das größte Verlangen im Menschen?« könnte man sich

jetzt fragen. Sicherlich ist sie das!

***

Abschnitt 3

Nochmals hinter den eisernen Vorhang
und ab nach Amerika

Zwischen 1971 und dem Frühjahr 1973 verbrachte ich mehrfach meine Wochenenden in

Ost-Berlin, Leipzig, Dresden oder Prag. Im Reisebüro Kuoni bestellte ich eine oder zwei

Übernachtungen und mit einem Voucher (einem in harter Währung bereits bezahltem

Hotelgutschein) erhielt man an der Grenze im Zug ein Visum für die DDR oder CSSR.

Wenn ich zum Beispiel nach Leipzig wollte, nahm ich jeweils um 16.00 Uhr den Zug von

Zürich nach München, stieg auf den Interzonenzug um und kam morgens um halb sieben

in Dresden an.

Ein anderes Mal flog ich mit der PAN-AM von Zürich über Frankfurt nach West-Berlin

Tempelhof. Direktflüge gab es aufgrund des Viermächteabkommens nicht.

Am Checkpoint Charlie, der nur für Ausländer bestimmt war, ließ ich die Kontrolle durch

die arroganten DDR-Grenzer (Vopos) über mich ergehen. Wer jemals in die DDR eingereist

ist, der weiß, wie es war. Nach über einer Stunde Wartezeit wurde mein Gepäck besonders

gründlich durchsucht. Die Beamten fanden einen zweiten Schweizer Pass, der auf meinen

Namen ausgestellt war.

Die Fragerei ging los und ich bekam Schwei.ausbrüche. Für einen Franken erhielt ich in

der Schweiz sechs Ostmark. Ich dachte, wenn sie jetzt noch eine Leibesvisitation machen,

finden sie auch noch die 3000 Ostmark, die ich in den Schuhen hatte, und der Urlaub wird

hier wohl zu Ende sein.

»Warum besitzen sie einen zweiten Pass?«, fragten die Beamten ungeduldig.

Ich erklärte, dass ich ein kleiner Weltenbummler bin und der alte Pass bald keinen Platz

mehr für Stempel hat. Wortlos ging der Beamte raus und kam nach einer Stunde wieder in

die Kabine. Er hatte offensichtlich mit der DDR-Botschaft in Bern telefoniert, denn er

machte diesbezügliche eine Bemerkung.

Nach fast drei Stunden langen Wartens entließen sie mich in ihre selbst ernannte

Hauptstadt der DDR, Berlin. In den Stasiunterlagen wurde später notiert, dass meine

Reisen wohl amourösen Charakter hätten.

***

Im Frühling 1973 las ich in einer Schweizer Gastrozeitung, dass in einem Schweizer

Luxusrestaurant in den USA ein Küchenchef/ Alleinkoch für die Sommersaison gesucht

wird. Ich meldete mich telefonisch und nach einer Woche bekam ich den Vertrag. Der Hinund

Rückflug wurde vom Arbeitgeber bezahlt. Die Freude war groß. Anfang Juni war es

soweit. Zuvor war ich nochmals schnell in Leipzig, und es lag wieder ein Abenteuer vor mir.

Ich, der Koch, kann nach Amerika.

Das Restaurant befand sich im Bundesstaat Maine in Bridgton an einem kleinen See.

Vier verschiedene Flugzeuge brachten mich zu meiner neuen Arbeitsstelle. Was heute

normal scheint, war 1973 ein Abenteuer für jeden jungen Menschen.

Von Zürich aus ging es mit dem Zug nach Luxembourg, dann mit dem Flugzeug nach

Island, wo ich noch drei Tage Urlaub einstreute und mir diese schöne Naturinsel

anschaute. Danach flog ich weiter nach New York, dann nach Boston und anschließend

weiter nach Portland/Maine. Dort holte mich mein neuer Arbeitgeber am Flughafen ab. Auf

der dreistündigen Fahrt sagte er mir, wir können uns duzen. »Sag einfach Hans zu mir!«

Dies war ganz neu für mich und ich war sehr überrascht. Er erklärte mir, dass wenn wir

englisch sprechen würden, das »You« ganz normal wäre. Ich freute mich darüber. Respekt

war trotzdem vorhanden.

Ich war pleite und kam mit 4 . Dollar in der Tasche bei meinem neuen Arbeitsplatz an.

Außer dem Besitzer Hans Jenny, ein Schweizer aus Chur, konnte niemand deutsch

sprechen, und so musste er die erste Zeit als Dolmetscher hinhalten. Ich konnte nämlich

absolut kein Englisch und die Service- und Küchenmitarbeiter/innen keine Fremdsprache.

Mister Jenny machte sehr viel Reklame mit mir, dem »SwissChief« aus Zermatt, und so

musste ich bereits zwei Wochen nach Ankunft zu den Gästen in das Restaurant, weil sie

den »SwissChief« sehen wollten. Viele seiner Gäste waren bereits einmal in Zermatt und

waren nun neugierig, in welchem Hotel ich dort gearbeitet habe.

Mit meinem holprigen Englisch erging es mir nicht schlecht, obwohl sich die Kellnerinnen

hinter den Kulissen über mein Englisch krumm lachten. Aber ich rächte mich! Am 4. Juli,

dem Nationalfeiertag der USA, versteckte ich mehrere lebende Hummer unter den Betten

in ihren Zimmern. Nach dem Mittagsservice zogen sich die Mädchen auf ihre Zimmer

zurück. Die Schreie ließen nicht lange auf sich warten. Ich amüsierte mich köstlich und

sammelte die Hummer wieder ein, die es am Abend gekocht und übergossen mit

nussbrauner Butter, für die Gäste gab.

Das »Tarry-A-While Resort« bestand damals aus 2 größeren Gästehäusern und drei

kleineren Cottages (kleine Ferienhäuser). Das Resort lag oberhalb eines kleinen See und

war sehr romantisch gelegen. Die Saison dauerte von Mitte Juni bis Anfang September. Im

Winter hatte das Resort geschlossen. Das Resort gibt es heute noch, allerdings nur als

»Garni Hotel«.

Es wurden nur Schweizer Spezialitäten zubereitet und serviert. Die Gäste freuten sich

über die Schweizerfähnchen auf den Rösti und waren eigentlich leicht zufrieden zu stellen.

Ich arbeitete die zehn Wochen voll durch. Morgens um 6.00 Uhr stand ich auf und war

bereits um 6.30 Uhr in der Küche um das Frühstück vorzubereiten. Zuerst für die

Mitarbeiter und danach für die Hotelgäste. Die Essenszeit für die Gäste war jeweils von

8.00 Uhr 9.00 Uhr, mittags von 13.00 Uhr bis 14.00 Uhr und abends von 18.00 Uhr bis

20.00 Uhr.

Dazwischen hatte ich viel Freizeit. Ich kaufte mir ein Rennrad und fuhr mit dem

Schweizerkreuz auf dem Rücken viel in der wunderschönen, leicht hügeligen Landschaft

von New Hampshire umher.

Das Team bestand aus 24 jungen Schüler/innen die im Sommerurlaub ihr Taschengeld

für den Winter verdienten. Das Durchschnittsalter war 18.

Ich staunte nicht schlecht, als eine 16-Jährige mit einem Range Rover daher kam und ich

mit dem Fahrrad. Der Führerschein konnte dort bereits mit 15 Jahren gemacht werden.

Eine andere Schülerin wurde von ihrem Vater mit dem Sportflugzeug hergeflogen. Er wollte

draußen auf der großen Wiese landen. Diese war aber zu kurz, und so musste er nach

Portland zurück fliegen und stattdessen das Taxi nehmen. Insgesamt waren es fünf Boys

und 19 Girls, was mich als junger Mann natürlich sehr freute.

Sie ahnen schon, warum! Ich wurde des Öfteren zu einer Burger-Party mitgenommen

und war natürlich der Hahn im Korb.

***

Im September ging das Arbeitsverhältnis zu Ende. Ich kaufte mir für 149 Dollar ein

»Greyhound« Busticket für vier Wochen, mit dem man beliebig viele Fahrten machen

konnte. Diese Reise führte von Portland nach Boston, von New York bis Florida, wo ich

zwei Tage blieb. Als ehemaliger Schiffskoch zieht mich in jeder Stadt der Hafen an. Auf der

Fahrt mit dem Bus nach Key West begegnete mir ein junges Schweizer Ehepaar aus

Zürich. Zusammen schauten wir uns am südlichsten Ende Nordamerikas Key West an. Das

Ernest Hemingway Museum hat mir sehr gut gefallen. Ich war begeistert.

Die über 100 Katzen, die dort ihren Lebensabend verbrachten, fand ich toll. Auf der

Rückfahrt unterhielt ich mich mit Hans und Maria über ihre und meine Weiterfahrt. Wir

beschlossen, gemeinsam den Yacht-Hafen zu besuchen. Nach dem Abendessen im

Hafenrestaurant, das übrigens voller Schweizer-Fahnen hing, machte ich am späten Abend

den Vorschlag, man könnte unter freiem Himmel übernachten. Die Nacht war schwül, und

es herrschte ein schöner Sternenhimmel.

Vor dem Restaurant war ein freier Platz mit Säulen. Zischen den Säulen standen Bänke,

auf die wir uns legten und noch eine Weile über Amerika plauderten, bis wir einschliefen.

Das kann ich heute aus Sicherheitsgründen nicht mehr empfehlen; man kannte damals die

jetzt so hohen Kriminalitätsraten noch nicht. Bereits am frühen Morgen um sieben Uhr

suchten wir in der Nähe ein Frühstücklokal auf, wo wir billig frühstücken konnten und

Kaffee bekam, soviel man wollte. Danach spazierten wir zum Busbahnhof und

verabschiedeten uns. Sie fuhren Richtung Norden und ich Richtung New Orleans, Texas,

mit einem Abstecher nach Monterey in Mexico, danach nach San Diego und Los Angeles.

Das Busfahren hatte ich satt und habe im Reisebüro den nächsten Flug nach Honolulu

auf Hawaii gebucht. Dort verbrachte ich eine Woche Urlaub.

Ein Ehepaar vor dem Flughafen sprach mich an, weil es die Schweizer-Fahne auf

meinem großen blauen Rucksack sah. Sie boten mir gratis ein Zimmer an und machten mit

mir noch eine Inselrundfahrt. Das Essen jedoch bezahlte ich immer selber.

Die Ersparnisse wurden weniger und ich buchte den Heimflug von Honolulu über

Chicago, Amsterdam nach Zürich. Der Abflug erfolgte am Montagabend und früh am

Morgen landete das Flugzeug der Delta Airlines in Chicago. Weil der Flug nach Amsterdam

auch erst am Abend begann, verbrachte ich endlose Stunden mit Warten auf dem Airport.

Hätte ich noch genügend Geld gehabt, wäre ich in die City von Chicago mit dem Bus

gefahren. Abends um 19.00 Uhr war es endlich soweit und ich bestieg das Flugzeug der

KLM nach Amsterdam. Die Hälfte des Fluges verschlief ich, bis mich die Stewardess zum

Frühstück weckte. Die Heimreise dauerte von Montagabend bis Mittwochmittag.

Wieder zu Hause, ging ich erneut auf die Stellensuche. Ja, wo war ich eigentlich zu

Hause? Nach dem USA Aufenthalt wohnte ich für ein paar Tage bei einem Berufskollegen

in Zürich. Zu meinen Eltern in Zürich hatte ich ja schon lange keinen Kontakt mehr. Und so

kaufte ich zum zweiten Mal die Union Helvetia, eine Zeitung für das Gastgewerbe. In der

Zeitung, die ich gekauft hatte, stand ganz klein:

Gesucht: Privatkoch in Diplomatenhaushalt nach Ost-Berlin (und die

Anzeigennummer)

Was für ein Zufall.

Wie es weiter geht steht in meinem Buch. Danke für Ihr Interesse.

Erstellt von Peter Gross 6.11.2016 Titel rechtlich geschützt