Aktivitäten 2017 ; Presse und 150 Jahre Schweizer Vertretung in Berlin 30.06.2017

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JUBILÄUM IM SPREEBOGEN

150 Jahre diplomatische Vertretung der Schweiz in Berlin

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Von Enrico Seewald, Historiker, Diplom Politologe und Universitätsdozent für Diplomatie.


Mitten im Regierungsviertel zwischen Kanzleramt und Reichstag schmückt sich in der Otto von Bismarck Allee ein Gebäude mit dem rot-weißen Tuch der Schweizer Flagge. Seit 97 Jahren weht Sie dort. Damit ist die Botschaft der Eidgenossenschaft das Haus mit der längsten ununterbrochenen diplomatischen Tradition in Berlin. Anfang 1920 war es dem Fabrikanten Erich Kunheim abgekauft worden. Gebaut hatte es 50 Jahre zuvor Friedrich Hitzig für die Arzt Familie Frerichs. Am 30. Juni Juni 2017 wurden hier 150 Jahre Schweizer Vertretung in Berlin gefeiert. Es ist ein einseitiges Jubiläum. Bayern, Preußen, Württemberg und Baden haben schon längst ständige diplomatische Missionen bei der Eidgenossenschaft, , als Johann Heer als erster Gesandter in Deutschland und 18. Mai 1867 König Wilhelm I. von Preußen das Beglaubigungsschreiben überreichte. Der Herrscher gab dabei seine Freude über die Herstellung der Reziprozität Ausdruck. Aus Gründen der Courtoisie akkredierte sich Johann Heer auch in München, Stuttgart und Karlsruhe. 


Neubau fiel Bombenangriff zum Opfer.


Berlin war der vierte diplomatische Auslandsposten der Schweiz.

Seltsamerweise betrat die heute für erfolgreiche Vermittlung und als Schauplatz großer Konferenzen bekannte Eidgenossenschaft die Welt der institutionalisierten  Diplomatie sehr spät

Oft werden Sparsamkeit und Bescheidenheit aus Motive dafür genannt.

Der Krieg Preußens gegen Österreich und die Süddeutschen Staaten hatte die schweizerische Regierung zur Errichtung der Mission in Berlin veranlasst.

Konsularisch war die  Eidgenossenschaft in Deutschland damals nur in Leipzig, Hamburg und Bremen vertreten. Da sich die Eidgenossen seit der Niederlage gegen König Franz I. von Frankreich in der Schlacht bei Mailand im September 1515 aus Kriegen heraushalten, haben Sie meist stabile Auslandsmissionen. Oft sind deren Chefs gute Beobachter und nüchterne Analysten. Dem ab 1938 in Berlin bis Kriegsende amtierenden Gesandten Hans Fröhlicher wird allerdings eine unkritische Haltung zum nationalsozialistischen Regime vorgeworfen. Da die Nazis im Spreebogen eine gigantische Halle des Volkes planten, sollte das ganze auf dem  Baugrund gelegene Alsen-Viertel weichen.

Viele diplomatische Missionen waren in dort befindlichen palais- oder villenartigen Häusern untergebracht.

Manche fanden eine neue Heimat am südlichen Tiergartenrand.

Für die Schweiz wurde neben der spanischen Botschaft ein Neubau errichtet der kurz vor Fertigstellung einem Luftangriff zum Opfer fiel. 

Das Grundstück erhielt später der Zoologische Garten und heute tummelt sich auf dem Areal keine alpenländische Diplomatie, sondern südamerikanisches Getier.

Das Missionsgebäude im Spreebogen bestand als einziges Haus des Alsen-Viertels die Abrisswut der  Nazis und den Endkampf um Berlin.

Bald nach Kriegsende bezog es  die Delegation zur Organisierung der Rückkehr heimatlos gewordener Landsleute.

Nach einem Artikel im Hamburger Abendblatt vom 29. November 1950 befinde man sich in dem Haus mitten in der Trümmerwüste zwischen Reichstag und Lehrter Bahnhof in einer anderen Welt.

„Blitzend saubere Treppen und Gänge, schön ausgestatte Räume, das ganze Milieu kultivierter und saturierter Menschen, an denen ebenso wie an ihrem Haus der Krieg keine Spuren hinterlassen hat.“

Die Delegation informierte Bern auch über Gründung und Entwicklung des ostdeutschen Staates.

KOCH ALS FLUCHTHELFER


Am Tag vor der Kapitulation der Wehrmacht hatte die Regierung in Bayern die diplomatische Beziehungen zu Deutschland abgebrochen. Die konsularischen Vertretungen in Westdeutschland blieben aber bestehen.

Das schweizerische Konsulat in Köln am Rhein wurde nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland zur diplomatische Mission und später zur Botschaft, die sich 1977 in der Bundeshauptstadt Bonn etablierte.

Das Berliner Haus, direkt an der Grenze zum Sowjetsektor  gelegen, bekam alle Schrecken der Teilung  hautnah mit.

Zehn Tage nach den Ereignissen vom 13. August 1961  berichtete der stellvertretende Delegationschef Hans-Ulrich Rentsch nach Hause:

„Die Fronten sind abgesteckt -im wahren Sinne des Wortes inmitten Berlins mit Stacheldraht und Betonmauern.“

Den verzweifelten Ostdeutschen könne nicht mehr geholfen werden.

Das sahen manche seiner Landsleute anders. In den ersten Jahren nach dem Mauerbau versuchten Schweizer Studenten von Westberlin aus, mit gefälschten Pässen und umgebauten Autos Bewohnern der DDR zur Flucht zu verhelfen. In einem von der Delegation in initiierten Merkblatt wurde auf die Gefährlichkeit dieses Tuns und die geringen Möglichkeiten der Hilfeleistung für deswegen in der DDR inhaftierten Landsleute verwiesen.

Der berühmteste schweizerische Fluchthelfer gehörte allerdings selbst einer ihrer Missionen an, nämlich der Botschaft in Ostberlin. Die Schweiz hatte aus erster westlich orientierter Staat die DDR im Sommer 1972 rechtlich anerkannt. In der im Jahr darauf in Pankow errichteten Botschaft war Peter Gross der Koch. Er verliebte sich in Christa Feurich aus Bernau und wollte sie im Kofferraum seines Mini Cooper am 1.Februar 1975 nach Westberlin bringen. Am Grenzübergang Bornholmer Brücke war Schluss, denn der Koch hatte als Angestellter keine diplomatische Immunität. Beide erhielten hohe Freiheitsstrafen, was sie gegen ein in der Schweiz  inhaftiertes ostdeutsche Spionageehepaar ausgetauscht werden sollten. Auf diesen Deal ließ sich die eidgenössische Regierung nicht ein. Nach Verbüßung von zwei Dritteln ihrer Haftstrafe wurden die Spione entlassen. Der Koch und seine Freundin kamen ebenfalls frei und konnten in der Schweiz heiraten.


Seit 1973 Generalkonsulat


Für die DDR hingegen gab es kein Happyend. Mit der deutschen Wiedervereinigung wurde die Botschaft in Pankow aufgehoben. Das Haus im Spreebogen war 1973 Generalkonsulat geworden und diente als Außenstelle der Botschaft in Bonn bis zum Umzug von Bundestag und Bundesregierung nach Berlin. Paul Widmer hat als Leiter der Außenstelle ein informatives Buch zur Geschichte des Anwesens geschrieben, das in jener Zeit durch einen auf die Tradition wenig Rücksicht nehmenden Anbau des Baseler Architekturbüros Diener & Diener erweitert wurde.

Mit der Akkreditierung von Christine Schraner Burgener als Botschafterin 2015 geriet die Mission zum ersten Mal in 148 Jahren in weibliche Hand.

Neben der Alltagsarbeit bieten die ehrwürdigen Mauern auch Raum für lockere und fröhliche Geselligkeit. Bilaterale politische Probleme gibt es eigentlich nicht, abgesehen von Differenzen über Steuersätze und Steuerehrlichkeit. In der Heimat des Schweizerfrankens hört beim Geld die Freundschaft auf, wie überall. Solche Stürme im Wasserglas sollten die Stimmung aber nicht trüben. Selbst der sonst so sachlich formulierende Paul widmer verweist am Schluss seiner Festschrift auf die vorbildlichen Beziehungen zwischen der Eidgenossenschaft und der Bundesrepublik,

„dem besten Deutschland, das es je gab.“

Solches Lob  von manchmal zu Kritik neigender  Seite ist auch für uns ein Grund zum Mitfeiern.

BUSINESS & DIPLAMACY 02/2017


Erstellt von Peter Gross 6.11.2016 Titel rechtlich geschützt